Posted by octo on 2009-08-18 17:25
Die „Nürnberger Nachrichten” berichten in ihrer Ausgabe vom letzten Mittwoch über die 16-Jährige, die einen Amoklauf verüben wollte und durch Zufall gestoppt wurde. Ihr wird jetzt der Prozess gemacht.
Große Medienaufmerksamkeit hat die Sache nicht bekommen. Vermutlich weil sie unterm Strich niemanden umgebracht hat – für einen Amoklauf ein erbärmliches Ergebnis und die Öffentlichkeit interessiert sich nicht für Versager (wenn es keine Nacktbilder von ihnen gibt). Außerdem passt das Mädel nicht in das etablierte Täterbild, denn, so schreiben die „Nürnberger Nachrichten”:
- „Anders als Täter in anderen Amok-Fällen war die Einser-Schülerin nicht besessen von Gewaltspielen am Computer.”
Stattdessen gelten „persönliche Schwierigkeiten” als Hauptmotiv, denn:
- „Sie habe offensichtlich massive Probleme mit Mitschülern, Lehrern und ihren Eltern gehabt.”
So, die anderen Amokläufer waren also alle „besessen von Gewaltspielen”. Was ist denn mit dem 41-Jährigen Amerikaner vietnamesischer Abstammung, der im April 2009 13 Menschen erschossen hat und dann Selbstmord beging? Der hat kurz vor seinem Amoklauf noch schnell einen Abschiedsbrief an einen Fernsehsender geschickt. Ich bin kein Psychologe, aber meines Erachtens war der Typ hochgradig paranoid. Von Undercover-Agenten, die während er schläft in seine Wohnung eindringen und ihn anfassen, ist da die Rede, und dass man versucht hat ihn in Verkehrsunfälle zu verwickeln. Besessen: ja. Computerspiele: nicht so wirklich.
„Ja, aber …”, wäre jetzt eine erwartete Reaktion, „… du suchst dir jetzt halt Beispiele zusammen die deine Aussage unterstützen!”. Nun, bisher habe ich noch keine Aussage gemacht, sondern die Aussagen anderer Leute überspitzt ironisch zitiert. Von den letzten vier Amokläufen, von denen ich in der Zeitung gelesen habe, waren das zwei. Die anderen beiden sind die aus Erfurt und Winnenden. Beide Täter waren jugendlich (17 und 19 Jahre alt), männlich und haben Counter Strike gespielt. Der Eine hatte außerdem massive schulische Probleme (er wurde ohne Abschluss rausgeschmissen), litt an maßloser Selbstüberschätzung, hatte eine eindeutige Waffenaffinität und schrieb ein Drehbuch zu einem Gewaltfilm („so drastisch wie möglich” stand da drin, zum Beispiel). Der Andere hatte schulische Probleme (er wurde gemobbt), war in psychiatrischer Behandlung schoss mit den Waffen seines Vaters im Keller und im Wald rum.
Die Auswahl ist im übrigen echt willkürlich: Jedes Jahr geschehen (weltweit) mehrere Amokläufe, so 2–3 durchschnittlich. Da Fälle von 2006 anzusprechen wirkt absurd. Aber die nicht-deutschen Fälle werden so gut wie nie mit Computerspielen in Verbindung gebracht. Ob und, falls ja, wie viel die Täter gespielt haben ist schlicht und ergreifend nicht bekannt.
Und nun zu einer Multiple-Choice-Aufgabe, Statistik, 1. Semester:
- Aus den oben gemachten Beobachtungen geht mit großer Wahrscheinlichkeit hervor (zwei zutreffend):
- Amokläufer haben psychische Probleme und/oder ihr Leben nicht im Griff.
- Gewalt in Computerspielen führt zu Amokläufen.
- Computerspiele werden hauptsächlich von männlichen Jugendlichen gespielt.
- Paintball spielen führt zu Amokläufen.
Meiner Meinung nach kommt es zu Amokläufen, wenn sich psychisch nicht ganz sattelfeste Personen in Gewaltfantasien flüchten. Wenn sie zu Hause das Bombelnbasteln anfangen oder mit Knarren im Wald rumballern – das ist so der Zeitpunkt um professionelle Hilfe zu holen. Wenn diese Menschen dann noch Computerspiele spielen, hilft ihnen das vermutlich nicht im Geringsten ihre Aggressionen abzubauen. Aber diese Spiele sind ein Symptom, nicht der Auslöser. Wenn man sich die Biographie aller mir bekannter Amokläufer anschaut (die mit Computerspielen in Verbindung gebracht wurden), dann habe ich bisher noch nie folgenden Ablauf gesehen: „Kontakt mit Computerspiel mit xy Jahren. Dadurch geht Leben vor die Hunde. Amoklauf.” Was man hingegen immer wieder liest, ist: „Leben geht vor die Hunde. Fühlt sich ungerecht behandelt und machtlos. Gewaltphantasien. Computerspiele. Amoklauf.”
Was mich stört ist die Darstellung von Computerspielen in der Öffentlichkeit. Dass Politiker in ihrem verblödeten Aktionismus ein einfaches und wählerstimmen-neutrales Opfer suchen ist ärgerlich, überrascht aber auch nicht. Aber dass sich die Medien so zur Hure der Politik machen und dieses Bild, das den Aktionismus erst rechtfertigt, prägen, bringt mich auf die Palme.